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Wochenendrebellen

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Nazis raus aus den Stadien!

Am letzten Wochenende besuchten wir die SV Elversberg zu ihrem ersten echten Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf. Um das Stadion zu erreichen, ist bei Anreise mit dem Zug ein Shuttlebus-Transfer vom Bahnhof St. Ingbert notwendig, da Elversberg selbst mit 13.000 Einwohnern über keinen eigenen Bahnhof verfügt.

Wir waren zeitig vor Ort, zu erkunden gibt es rund um das Stadion nicht viel, also beließen wir es bei einem kurzen Blick auf den üppig gefüllten Fortuna-Block und einer kurzen Entdeckungsrunde innerhalb des Stadions und nahmen unsere Plätze ein. Ich lauschte gespannt dem Gespräch unserer Sitznachbarn, eines Opas mit seinem Enkel, beide aus Elversberg, Opa eigentlich Lautern-Fan und Enkel Anhänger des SC Freiburg, die heute gemeinsam ihren historischen Pflichtbesuch bei der SV Elversberg absolvierten.

Der Gästeblock der SV Elversberg, komplett in rot-weiss mit einem großen Choreo-Banner mit der Aufschrift "Angriff" und einem zweiten Banner: Voran Rot Weiss auf ewig unbesiegbar"

Wir genossen das Spiel bei fantastischem Wetter und insbesondere ich konnte mich am Spielverlauf sehr erfreuen, sahen wir doch gemeinsam bis dato überwiegend Niederlagen von Fortuna Düsseldorf.

So ein Fortuna-Besuch ohne vom Sohnemann im Anschluss aufgezogen zu werden, war tatsächlich mal ein neues Erlebnis. Die offensive Spielweise, die spielerische Sicherheit und der nicht nachlassenden Druck auch nach dem 0-2 überraschte mich. Das war nicht meine Fortuna.

Ich sah ein großartiges Spiel, in dem ich mich zum Abschluss noch in die Ballannahme von Jastrzembski vor dem 0-5 verliebte.

Toll.

Fast schon euphorisch verließen wir das Stadion, stiegen in den nächsten Shuttlebus um im Idealfall den Zug um 15:56 Richtung Mannheim zu bekommen und gegen 21:00 Uhr daheim zu sein, da am Folgetag zeitig die nächste Abreise zu Presseterminen rund um den Kinofilm „Wochenendrebellen“ anstand.

Im Bus setzten wir uns in den Viererbereich im hinteren Teil des Busses, Blickrichtung nach vorne. Jason trug wie immer in Innenräumen seine FFP2-Maske, die er auch schon im Stadion, bedingt durch die dauerhafte Nähe zu anderen Menschen, trug. Der Bus füllte sich rasch, und meine Gedanken schweiften schnell ab, während ich darüber nachdachte, wann ich zuletzt eine so starke Fortuna gesehen hatte.

Ich schlag deine Schwuchtelfresse zu Brei“ schrie plötzlich jemand durch den Bus und die Blickrichtung des ungefähr drei Meter entfernt stehenden Herrn mit ca. 25 cm breitem 1895-Tattoo auf dem Hals ließ wenig Zweifel zu. Er meinte Jason.

„Was hast du gemacht?“, fragte ich ihn, woraufhin er nur ein leises „Nichts“ entgegnete. Der Typ, der neben weiteren Tattoos auch Glatze trug, ließ keine Zweifel aufkommen, dass er zur Klärung der möglichen Ursache nicht viel beitragen möchte, schrie immer wieder Beschimpfungen in Jasons Richtungen, bis dieser ihm den Mittelfinger zeigte und sagte er solle endlich sein homophobes Maul halten.

Ich mach dich kaputt„, ein zum Hitlergruß gehobener Arm und zahlreiche laute Gespräche mit seinen Begleitern („Den kriege ich heute in jedem Fall noch„) später, riet ich Jason, strikt ohne jeglichen Blickkontakt zur anderen Seite aus dem Fenster zu schauen. Wir mussten aus dem Bus ja auch irgendwann wieder raus.

Wir entschlossen uns, den Bus am Bahnhof so schnell wie möglich zu verlassen und darauf zu hoffen, dass an dem kleinen Bahnhof die auffällig platzierten Zivilpolizisten, die wir bei Ankunft sahen, nun auch bei Abfahrt direkt an Gleis 1 stehen, welches nur ca. 50-75 Meter vom Busbahnhof entfernt ist.

Ergänzend zum einzelnen Polizisten in zivil entdeckten wir dann aber am Ende des Bahnsteigs, direkt neben dem Treppenabgang, der rüber zu Gleis 2 führt, vier Polizisten in Vollmontur und setzten uns einfach kommentarlos in deren Nähe an eine Wand. Unsere Busbekanntschaft schien dies nicht sonderlich zu beeindrucken. „Ich schlag dich kaputt, du Hurensohn“, schrie er erneut Jason an und ging schweren Schrittes weiter auf uns zu, was einen der Polizisten dazu veranlasste, dazwischen zu gehen und den Herrn die Treppe hinab Richtung Gleis 2 zu verweisen. Dort standen bereits zahlreiche Anhänger der Düsseldorfer Fortuna.

Ich habe die gleich Waffe wie ihr daheim„, schrie er den Polizisten von einer der unteren Treppenstufen noch nach oben entgegen, bevor er wenige Sekunden später von der anderen Seite des Bahnsteigs, anderen Fortuna-Fans etwas erzählend, in unsere Richtung grinste. Die Polizisten fragten mich noch vor Ort, ob ich Anzeige erstatten will, was ich zunächst aus diversen Gründen verneinte.

„Wohin müssen Sie?“, fragte uns einer der Polizisten. In den gleichen Zug, wie der Herr.

Man beriet sich intern, hielt es aber auch zu viert in Vollmontur für keine gute Idee, den Mann einer Identitätsfeststellung zu unterziehen. Ich teilte diese Einschätzung zwar, war aber auch noch zu verängstigt, um mich darüber aufregen zu können, also nahmen wir einen Zug später und verhielten uns in Mannheim entsprechend vorsichtig.

Auch wenn Angst nur ein Gefühl ist, mit dem wir lernten in den letzten Jahren umzugehen, so bin ich noch immer ratlos und frustriert. Weniger wegen irgendeinem Nazi-Arschloch, sondern eher auf Grund der mangelnden Solidarität und einem Vakuum an Zivilcourage, welches ich so nicht in meiner eigenen Fan-Szene vermutet hätte. Natürlich ist es immer etwas anderes, darüber zu philosophieren, wie man sich in welcher gefährlichen Situation verhält oder der Gefahr so hilf- und machtlos direkt unvorbereitet gegenüber zu stehen, aber ich hielt es für ausgeschlossen, mit ein wenig Vorsicht und umgeben von vielen Menschen in so eine Situation zu geraten.

Keine 24 Stunden zuvor hatte ich in Verbindung mit einem Medientermin noch stolz erzählt, wie herzlich wir in über 130 Fußballspielen in zumeist fremden Wohnzimmern von Fanszenen aufgenommen wurden oder zumindest friedlich ein Fußballspiel auch als Nicht-Fans ihres Vereins schauen konnten und nun will jemand unter grinsender, rot-weißer Begleitung, ein Anhänger deines eigenen Vereins deinen Sohn „kaputt machen“.

Der Optik und des gesamten Habitus nach zu urteilen, würde ich auf Jasons „Nazis raus aus den Stadien“-Shirt als Auslöser tippen. Der Täter zeigte schließlich u.a. auch den Hitlergruß, was auch in diese Richtung verweist, es ist aber auch nicht auszuschließen, dass Jasons lackierte Fingernägel oder auch seine Maske mit als Auslöser ausreichten. Das ist ja nicht das erste Mal, allerdings das erste Mal beim Fußball, wenn auch wenige Minuten vor dem Vorfall im Bus eine kleinere Gruppe von Fortuna-Fans sich bereits genötigt sahen, uns ihre Meinung über Jasons Shirt ungefragt mitzuteilen. Vielleicht ist es aber auch einfach der „normale“ Umgang mit Schwächeren im breiten, gut vernetztem, Rechten Spektrum.

Wir haben noch am tags darauf folgenden Sonntag Strafanzeige wegen Bedrohung, Beleidigung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen erstattet. Die Anzeige wurde von uns nach telefonischer Rücksprache mit der Polizei St.Ingbert und der Bundespolizei Saarland in Bexbach bei der Bundespolizei in Kassel erstattet.

Dieser Vorfall ist kein exklusives Problem des Fußballs, sondern ein trauriges Symptom für die gesellschaftliche Entwicklung. In dieser schwierigen Zeit möchten wir die Medienpartner, die diesen Beitrag lesen, darum bitten, nicht über diesen einzelnen Vorfall zu berichten, sondern den Fokus auf die Gesamtentwicklung zu legen. Nazis gewinnen derzeit an Einfluss und was uns widerfahren ist, ist ein tägliches Schicksal, oft mit weit schlimmeren Konsequenzen für die Opfer.

Wir bitten dahingehend, von einer weiteren Berichterstattung über diesen einzelnen Fall abzusehen. Danke.

Wir gehen nicht davon aus, dass dieser Angriff als politisch motivierte Straftat eingestuft wird. Dies ist eine Möglichkeit, wie die Statistiken verzerrt werden können, und die Dunkelziffer rechtsextremer Straftaten ist vermutlich viel höher. Über dieses Problem sollte berichtet werden, anstatt über zwei weiße Menschen, die knapp einem schrecklichen Vorfall entkommen sind.

Alles, was wir zu diesem Vorfall und diesem Tag sagen und schreiben möchten, haben wir hiermit mitgeteilt. Wir werden alle weiteren Anfragen zu diesem Thema auf diesen Text und auf unsere Podcastfolge zu dem Vorfall verweisen. Es gibt Wichtigeres, als sich im Nachhinein mit solch einem Individuum zu beschäftigen. Nazis haben keinen Platz in den Stadien! Nazis haben keinen Platz in den Parlamenten!

Solltest du als Fußballanhänger Interesse daran haben, mit uns und vielen weiteren Fußballfans gemeinsam etwas wirklich Positives zu bewegen, dann schließe dich der Aktion „Tore für Neven an“, eine wirklich ganz wunderbare Aktion, mit der wir alle gemeinsam spielerisch leicht Leben retten können.

Viele Anhänger einiger Bundesligavereine sind schon dabei, aber wäre es nicht großartig, nicht nur darüber zu sprechen, dass wir in den Farben getrennt und in der Sache vereint sind, sondern wirklich alle Fan-Szenen gemeinsam daran arbeiten, dass Menschen Zugang zu sauberem Wasser erhalten?

Vielen Dank für deine Unterstützung.

Die Wochenendrebellen

P.S. Dies ist kein Betroffenheitsposting, uns geht es sehr gut. Wir möchten nur verhindern, dass unterschiedlichste Varianten dessen, was da passiert sein soll, im Netz rumschwirren. Das war der Hauptgrund, aus dem wir uns nun doch einmalig äußern wollten. Verzichtet gerne auf evtl. Teilungen im Netz, platziert den Link aber, falls ihr irgendwo Unfug lest. Danke.

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3 Comments

  • Steffi
    Steffi

    Ich habe den Hergang schon im Podcast gehört und bin ehrlich gesagt sprachlos über die Hilflosigkeit von der Polizei. Man muss solche Typen von der Straße holen. Der war doch dermaßen auf Krawall gebürstet, dass es nicht das erste und nicht das letzte Mal gewesen sein wird. Warum dessen Identität nicht festgestellt wurde, kann ich nicht nachvollziehen, denn es war nur ein einzelner Mann. Das ist doch nicht das erste Mal, dass es bei Fußballeknsätzen zu solchen Szenen kommt.
    Mich wurde mal interessieren, was der Sänger von „Feine Sahne Fischfilet“ dazu sagt. Der kennt das Ganze doch von der anderen Seite.

    Tut mir jedenfalls leid, dass ihr das erleben musstet, aber es bringt auch nichts, über den Auslöser zu lange nachzudenken, denn wer sich kloppen will, findet einen Grund.

    Die Anzeige war wichtig, wegen der Gemeingefählichkeit dieses speziellen Übeltäters. Stadionverbot wäre ein guter Anfang.

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  • Holger
    Holger

    Es gehört viel mehr Mut dazu weg zu gehen als sich in eine Diskussion (die eh Sinnlos ist) zu stürzen. Ich finde alles richtig gemacht von eurer Seite aus

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